Schule im neuen Russland:

Tanzstunde

„Wir werden die ganze Welt verändern!“

Russland ist groß. Und genauso groß scheinen die Möglichkeiten, alternative Bildungswege zu beschreiten. Einer der spannendsten Aspekte der Russlandreise waren die bemerkenswerten Einblicke in die teilweise außergewöhnliche Schulbildung, welche mich ins Staunen versetzten. Werfen wir doch zuerst einen Blick in die Erziehungsstuben der Elternhäuser:

Unsere Gasteltern schenken ihren Kindern, wie gewöhnlich, sehr viel Liebe und Aufmerksamkeit. Außergewöhnlicher war vielleicht das spürbare Vertrauen und die reduzierten Ängste. Das mag auch der Grund sein, warum in den besuchten Siedlungen die Kinder uns Gäste sehr offen und voller Herzenswärme empfangen haben. Die größeren Kinder zeigten stolz die Ergebnisse ihrer Talente: kunstvolle Uhren, wunderschöne Zeichnungen, Geige- oder Klavierspiel, Bogenschießen, Fußball oder auch die ersten Worte in einer Fremdsprache. Die Menschen treffen sich in Gemeinschaftshäusern und geben auch dort ihr Wissen weiter.

In Russland ist „Homeschooling“ erlaubt, ein Gesetz welches den Eltern eine erweiterte Entscheidungsfreiheit zur Hand gibt, wie die Bildungsinhalte vermittelt werden. Dadurch ist es sicherlich leichter, unabhängige Schulen in den Dörfern aufzubauen und dort auch Lehrer einzusetzen, die keine Zertifizierung für ein bestimmtes Fach haben, sich dennoch für ein Thema berufen fühlen. Die staatliche Absegnung erfolgt dann zentral in Moskau, durch Bestehen der Prüfungen. In Deutschland ist dies momentan nicht möglich.

In der Siedlung Wedrussija nahmen wir, auf Wunsch der Lehrerin, aktiv am Englischunterricht der Siedlungsschule, sowie der Schule des nahegelegenen Dorfes teil.

Dies gab uns einen Einblick und hat viel Freude bereitet. Der Unterricht ist offen, oft kamen Kinder herein und gingenwieder hinaus. Ich saß auf einem viel zu kleinen Stuhl und war wieder in die Vergangenheit zurückversetzt und empfand dies Hin und Her als störend. Auch hier gibt es feste Schul- und Unterrichtszeiten, damit Eltern einen Ort für ihre Kinder haben, wenn sie in der Stadt bei der Arbeit sind. Durch unsere Teilnahme und das Interesse von Erwachsenen ist sicherlich auch ein Bewusstsein erwachsen, dassdie Schüler und die Schule(n) etwas Besonderes nach außen darstellen.

Die erste lange Englischstunde wirkte anfangs wie der übliche Frontalunterricht (erkennbar an den kurzen zeitlichen Intervallen mit dem Blick zur Uhr), doch dann zeigten sich die ersten Unterschiede: Den Schülern wurde gleich im Vorhinein eine bestimmte bildliche Lerntechnik am Beispiel von lateinischen und koreanischen Vokabeln vermittelt. Diese Technik funktioniert wirklich hervorragend. Zumindest die lateinischen Vokabeln blieben mir spätestens bei der 2. Wiederholung im Kopf hängen. Die koreanischen Wörter erzeugten Widerstand – Auto und Geld konnte ich mir noch merken, doch bei den anderen Wörtern ging die Lernbereitschaft gegen Null (wofür, fragte mein Unterbewusstsein). Außerdemwurden wir alle gedanklich darauf eingestellt, dass es mit intensiven und bildlichen Lerntechniken nicht länger als drei Monate dauern soll, bis man Englisch oder eine andere Fremdsprache fließend sprechen kann.

Bitte mach dir den Unterschied bewusst, lieber Leser: In unseren Schulen gibt es beispielsweise 12 Jahre Englischunterricht, doch würde man den Kindern die Grenzen und Abhängigkeiten im eigenen Kopf abbauen und ihnen erklären, dass es der 12 Jahre Schule eigentlich nicht bedarf, sondern die Kinder auf eigenen Wunsch eine Sprache viel zügiger lernen, wenn sie diese als erstrebenswert erachten. Was wären die Folgen? Fakt ist, in unserem Schulsystem kommt das Wissen teilweise zu früh an die Kinder heran und nicht immer schaffen es die Lehrer, bedingt durch den straffen Bildungsplan, genug Zeit aufzuwenden, um entsprechendes Interesse für die Themen zu wecken und die Bedeutung des Erlernten klar zu formulieren. Dies ließ folglich den Begriff des Bulimie-Lernens entstehen ( = lernen und nach der Prüfung wieder vergessen). Auch hat mir im Englischunterricht sehr gut gefallen, dass wir zwischendurch alle aufstanden und ein Lied mit viel Mimik und Gestik gesungen haben. Im Morgenkreis mit den Kleinen haben wir letztlich mehr Englisch gesprochen als mit den älteren Kindern.

Und nun ein Blick in das nördlichere Kovcheg, eine sehr weit fortgeschrittene Siedlung (erkennbar an den großen Bäumen der lebenden Hecken): Das komplett aus Holz gebaute Gemeinschaftshaus dientauch als Schule und hat eine angenehme und ansprechende Ausstattung – auch mit technischem Zubehör. Die Schüler haben nebenan am Theaterbau und Unterstandbau mitgewirkt und selbst die kunstvollen Bilder gestaltet, die seitlich an den Wänden hängen. Nebenbei bemerkt gibt es eine weitverbreitete Lektüre bei allen Schülern, in den von uns besuchten Siedlungen und das ist die „Anastasía“-Buchreihe von Wladimir Megré, welche gedankliche Grenzen sprengen und die Kraft der Gedanken betonen soll. Auch propagieren die Bücher bestimmte Schul- und Lebensformen. In den Büchern wird eine bereits existierende Schule beschrieben: Die Schetinin Schule, benannt nach ihrem Direktor in dem Dorf Tekos. Es handelt sich um eine zu 100% staatlich geförderte Schule, in der eine zukunftsweisende Elite geformt wird, welche nach eigenen Angaben die Welt verändern wird (wenn mandiese nach ihren Zukunftsplänen fragt). Dieses Internat haben wir besucht. Besucher aus der ganzen Welt sind willkommen nach Terminvereinbarung.

Uns führte eine 21-jährige Schülerin, welche vier Sprachen spricht, auch Englisch, durch das kleine gepflegte Gelände. Insgesamt fällt auf, dass fast das ganze Internat von den Schülern organisiert ist. Die Telefonate werden von Schülern entgegen genommen, die Führungen werden von ihnen gegeben, die Wachhäuschen, sind von trainierten jungen Schülern besetzt, die Wandmaler, die „Bauarbeiter“, ja selbst die Lehrer sind die Schüler.

Als wir in die Vorhalle eintraten, ertönten klassische Klänge in den Hallen und an den Wänden hingen düstere Malereien. Irgendwie erinnerte mich das alles an das Zauberinternat der Harry Potter-Romane. Klassische Musik, so erklärte unsere Begleiterin, sei die einzige Musik, die förderlich ist und im Internat zur Lernphase gehört wird. Nebenbei versuchte ich ein Foto von ihr zu machen, doch sie drehte sich zur Seite.

Ab 15 Uhr haben die Schüler quasi Freizeit und können ihre Aktivitäten selbst wählen. Manche lernen den Schulstoff des Vormittags, andere gehen ihren Neigungen nach und lernen zum Beispiel eine Fremdsprache. So kam es auch, dass wir eine der wenigen erwachsenen Personen beim Unterrichten erlebten. Die Mutter eines Schülers lehrte eine kleine Gruppe die kasachische Sprache.

Die Führung dauerte nur eine knappe Stunde. Überall sind Wandmalereien, jeder Raum lädt auf eine andere stimmungsvolle Art zum Lernen ein, da alle bewusst unterschiedlich gestaltet sind. Nur wo genau der militärische Duktus herkommt, mag den Besucher verwundern: In jedem Raum, den wir betraten, wurde reaktionsschnell aufgestanden und gegrüßt, bis sie sich – Einer nach dem Anderen – wieder hinsetzten und konzentriert ihrer Tätigkeit weiter folgten. Es scheint eine gute Disziplin zu herrschen, die für diese Schulform als notwendig erachtet wird. Unsere Begleiterin sprach in den höchsten Tönen über den Rektor, ohne den dies alles nicht möglich wäre. Wir haben den Direktor leider nicht gesehen. Man sagt, dass er jeden Besucher genau beobachten würde und bisher erst auf einen einzigen Besucher (und auch noch aus Hamburg) von sich aus zugegangen ist und eine Kooperation zurGründung einer Partnerschule in Deutschland vorgeschlagen hat.

Wer jetzt noch fragt, wie die Schüler Zeit haben, um Hausmeistertätigkeiten oder Führungen vorzunehmen, dem muss klar sein, dass sie innerhalb von 1-2 Jahren (hier gibt es unterschiedliche Aussagen) ihr Abitur machen und dann Zeit für andere wichtige Dinge haben: Kampfsport, weitere Sprachen, Organisation, Bauarbeiten, Universitätsstudium. Leider verwehrte sich die Schülerinuns zu erklären, wie man es schafft, in nur drei Tagen pro Fachgebiet den Stoff der 11. Klasse ohne Wiederholung in den Kopf zu bekommen. Hier jedoch wird sehr wahrscheinlich wieder mit Schaubildern, ähnlich dem LAIS System, gearbeitet: Das Gehirn reagiert auf Bilder einfach viel dankbarer als auf stumpfes Auswendiglernen. Und es gibt sich, aus meiner eigenen Erfahrung heraus, zumindest auf stupides Wiederholen sehr beleidigt. Auch im Speed Reading (schnelles Lesen) ist bekannt, dass im Unterbewusstsein schon bei der ersten Erfassung die Inhalte „gespeichert“ werden. Ein Tag auf dem Internat hat anscheinend viel mehr Stunden, zumindest weiß ich, dass die Schüler sichgegenseitig in der Disziplin übertrumpfen bzw. Schritt halten wollen und stehen schon mal täglich um 4 Uhr morgens auf, wie auch Richard Kandlin in seinen auf Youtube verfügbaren Vorträgen schildert. Diese Vorträge werden durchaus seitens der Schetinin Schüler kritisch beäugt, da man das Konzept nach deren Ansicht nicht in einer Präsentation erläutern kann. Auf mein Argument hin, dass Richard eine hervorragende Arbeit macht, da er wenigstens ein ungefähres Bild von der Schule wiedergibt, zeigte sich unsere Begleiterin erstaunt. Weiterhin habe ich sie gefragt, welches ihr konkretes Lieblingsfach wäre, daraufhin meinte sie, das gäbe es nicht. Nun hatte ich Lust zu stänkern und fragte erneut: „Mathe oder Englisch?“ Nach ihren Antworten zu schließen, scheint dieBewertung der Dinge dem Lernen nicht sehr zuträglich zu sein. Sie sind offen für jede Information und ohne die Bewertung lässt sich nach diesem Konzept auch vieles einfacher einprägen, da alle Sinne „ja“ sagen und die Kopfschranke nicht genährt wird.

Die Schüler trugen teilweise Uniformen und teilweise schicke, elegante Kleidung, alles rundum sah sehr gepflegt, ordentlich und für meinen Geschmack ansprechend aus. Gern wäre ich auf diese Schule gegangen. Nicht jedes Kind fühlt sich bereit, weit weg von den Eltern und schon kurz nach der Grundschule, auf ein solches Internat zu gehen. Zumindest bekommen die jungen Schüler ab 10 Jahren einen älteren „Freund“ an die Seite gestellt, welcher sie beschützt und sie in die wichtigsten Erfahrungen einweiht. Auf meine letzte ironische Frage an unsere Führerin, ob dieses Konzept den „Harry Potter“ Romanen entnommen sei, erntete ich zur Verabschiedung ein Augenverdrehen.

Markus

 

17. November 2016 von Dorothea Baumert
Kategorien: Allgemein, Kinder, Kinder und Lernen, Menschen, Rund um den Familienlandsitz | 1 Kommentar

Film: Slavnoje 2

Gemeinschaftsleben in einer Familienlandsitzsiedlung

Zum Trailer geht’s hier.

Anastasía hat es prophezeit: Barden werden wunderschöne Lieder singen, Gedichte werden geschrieben und Filme gedreht – alles zum Lobpreis der Schöpfung und zum Weitertragen der Idee der Familienlandsitze. Sie ging sogar so weit, von den schönsten Filmen überhaupt zu sprechen und rühmte das, was die zukünftigen Filmemacher erschaffen werden. Vielleicht sind wir inzwischen schon in jener „Zukunft“ angekommen.

Jedenfalls ist „Slavnoje, Teil 2“ schon der zweite Familienlandsitz-Film von dem Russen Andrey Shadrov. Der erste Teil war glattweg gelungen. Auf wunderschön poetisch-musische Art hat er das Leben in der Siedlung „Slavnoje“ vorgestellt. Die Bewohner kamen zu Wort und haben mosaikartig alle möglichen Belange des Lebens auf dem Familienlandsitz zusammengetragen. Der zweite Teil nun knüpft an den ersten an. Auch hier wird der Musik mehrerer Barden aus der Siedlung viel Platz eingeräumt und bekannte Gesichter, die schon im ersten Teil mein Herz berührten, fand ich hier wieder. Ich erfreute mich daran, zu sehen, wie die Landsitze sich verändert haben, wie Bäume und Kinder gewachsen sind. Lag der Schwer- punkt des ersten Films auf den einzelnen Familien, so ist er nun im Gesamtbild, in der Gemeinschaft der Siedler zu finden.

Slavnoje 2 - DVD-Cover mit DVD für Shop (kleiner)

Die Einteilung des Films in Kapitel wird auch in diesem Teil fortgeführt. Es mutet an wie ein Potpourri aus den typischen Siedler-Themen, die für jeden auf dem Land von Interesse sind: gemeinsames Arbeiten, Gewächshäu- ser, Bienenhaltung, Strohballenbau, gemeinsame Feste, Musik und die Bedeutung von Wald und Wasser. Selbst wenn die Themen manchmal einfach aneinander gereiht scheinen und der Fluss des Films durch die thematische Einteilung unterbrochen wird, bleibt der „grüne Faden“ doch immer sichtbar. Grundtenor ist, die Siedlung als funktionierende Gemeinschaft, die in Familienverbänden lebt, vorzustellen.

Die Gemeinschaft ist in vielen Bereichen zu spüren: Die Seminare über Bienenhaltung, Kampfkunst und Haus- bau, wo die Bewohner sich gegenseitig an ihrem Wissen und Fähigkeiten teilhaben lassen, sind da nur das geringste Bei- spiel. Eindrucksvoll ist auch die schön inszenierte Eingangspassage, wo die Siedler das Sensen einer Wiese regelrecht als Gemeinschaftswerk zelebrieren.

Aber am allermeisten kommt dieser Gemeinschaftsgeist in einem kurzen Märchen zum Tragen, welches die Be- wohner von Slavnoje alle zusammenspielen. Den Kin- dern kommt darin eine Schlüsselrolle zu, denn sie sind es, welche die eingeschlafenen, unbewusst lebenden Er- wachsenen aufwecken und ihnen somit zu einem neuen, freudvollen Leben verhelfen sollen. Am Ende des Films hatte ich das Gefühl, dass bestimmt alle Siedler mindestens einmal zu sehen waren und der Film selbst nur durch das Zusammenwirken aller überhaupt entstehen konnte.

Dass wir den Film, der schon 2012 auf Russisch heraus- kam, nun auch in der deutschen Übersetzung genießen können, haben wir Stefan Wolf und L.O.V.E Productions zu verdanken. Für kommende übersetzte Filme wünsche ich mir, noch mehr von den Originalstimmen zu hören. In der menschlichen Stimme ist so viel Charakter und Information enthalten, dass ich es als Verlust empfinde, sie nicht voll wahrnehmen zu können.

Nichtsdestoweniger klingen die Stimmen von Dieter Strobel und Julia & Tristan August in der deutschen Übersetzung recht angenehm.

Nun darf ich nur noch auf gut besuchte Filmabende und weitere tolle Filme aus Russland hoffen!

Thea Baum

28. Juni 2016 von Dorothea Baumert
Kategorien: Ankündigungen | Schreibe einen Kommentar

Offener Brief an die neue Zivilisation

Sehr geehrte Freunde,
Zuerst muss ich mich wohl vorstellen, oder lieber das, was im Verlauf des weiteren Textes von Bedeutung sein wird.
Vor einigen Jahren beschlossen meine Frau und ich nach Russland in eine sogenannte „Anastasia Siedlung“ auszuwandern. Wir gingen nach Ilsky im Kreis Krasnodar in die Siedlung „Wedrussia“.
Unser Vorhaben war sehr mutig, weil wir alles in Deutschland aufgaben, um so schnell als möglich umsiedeln zu können. Doch Bürokratie und die fremde Kultur, machten uns einen schnellen Aufbau des Landsitzes nicht einfach. Dennoch, in den folgenden Jahren lebten wir auf dem Land, so dass ich wertvolle Erfahrungen sammeln konnte. Aus diesen Erfahrungen heraus und mit Hilfe eines nahen Dolmens, kreierte ich ein Konzept, das die Schwierigkeiten, die beim Aufbau einer solchen Siedlung in einem Staat entstehen, weitgehend aus dem Weg schaffen kann. Und – und dies ist das wichtigste – es tut dies, ohne Kampf, ohne Störung des Bestehenden und vor allem, ohne die eigenen Ideale zu verraten, sprich Kompromisse einzugehen.
Die folgenden Zeilen sollen verdeutlichen, wie ich zu vielen Einsichten in die aktuellen Probleme der russischen Landsitzbewegung gekommen bin – wobei ich davon ausgehe, dass es nicht zwangsläufig in allen russischen Landsitzen so sein muss. Sie werden an vielen Stellen sicherlich denken : „Mein Gott, der ist aber kleinlich…“ – Ja, das bin ich, aber es sind genau die Nuancen, die Kleinigkeiten, die ich Ihnen beschreiben möchte, die den großen Unterschied machen. Daher ist es mir sehr wichtig, dass Reihenfolgen eingehalten werden sollten und die richtigen Energien genutzt werden; und nicht die weniger „schwierigen“ Methoden, die im Endeffekt funktionieren, aber die falsche Richtung einschlagen – und sei der Unterschied nur 2° oder weniger. Im Laufe der Zeit driften zwei Wege auch bei 2° sehr weit auseinander und so ist es auch mit Planungen, Realisation und vor allem mit der Inspiration Dinge zu tun, die die Welt verändern können und sollen. Ändert man große Visionen nur ein wenig ab, so verpufft die Energie und das Bild ist nicht mehr sichtbar.
Dies alles durfte ich mir anschauen, und dabei lernen, dass Menschen, die gerade begonnen hatten ihren Landsitz aufzubauen – teilweise meine Nachbarn – bereits vor Fertigstellung ihres Hauses wussten, das dies nicht der Ort ist, an dem sie alt werden würden, da das Wedrussien unserer Vorstellung eigentlich bereits gestorben war.
Dies kam hauptsächlich dadurch, dass zuerst das Land gekauft wurde (400 ha), und dann Familien darauf angesiedelt wurden. Dies führte zu Nachbarschaften, die, so verschieden sie waren, nicht nebeneinander existieren konnten. Die wenigsten konnten sofort auf ihr Land ziehen, aus den verschiedensten Gründen, vor allem aber aus finanziellen Erwägungen. So geschah es, dass die Wenigen, die bereits das ganze Jahr über wirklich auf dem Land lebten (unter anderem wir), eine völlig andere Sicht der Dinge bekamen, als diejenigen, die nur am Wochenende, oder noch schlimmer, in den Schulferien zu ihrem Domizil kamen. Was so wenig relevant klingt, birgt bereits den Zündstoff die gesamte Gruppe zu sprengen.
Beispielsweise hatten wir den Winter allein gelebt, die nächste Familie war ca. 1km entfernt, und abgesehen von unseren beiden Familien befand sich niemand über Winter auf seinem Land. Abgesehen davon, dass wir unsere Hunde sehr lieben, bekamen sie für uns noch eine andere Wertschätzung, weil sie uns halfen, die Schakale vom Land zu halten, oder auch nur simple Einbrecher fernzuhalten, wie beispielsweise in einer Nacht, als links und rechts um den angelegten Weg alle provisorischen Häuser, Bungalows oder Bauwägen aufgebrochen wurden, nur nicht in unserer Nachbarschaft. Wir kamen nicht nur deshalb, sondern aus vielfachen Betrachtungen heraus zu dem Schluss: Ohne Hund auf dem Land geht es nicht, jedenfalls hier nicht. Nur wollten einige unserer Wochenendnachbarn, dass der Hund an der Kette bleibt, was für mich nicht in Frage kam, es würde auch nichts bringen, denn dann verliert der benötigte Wachhund seinen Sinn. Diese Erfahrungen hatten unsere Nachbarn eben nicht gemacht.
Ein anderes Beispiel ist der Umgang mit Ressourcen. Einige Siedler (natürlich nicht alle) beschwerten sich über die Häufchen meiner Pferde an der Wasserquelle (…die ist für Menschen nicht für Tiere…), ich jedoch wollte ohne Auto leben, und musste mit Pferd und Kanister immer Wasser holen, da wir noch keinen eigenen Brunnen hatten. Andererseits stellten sich gerade diese Siedler immer bei mir an, um Pferdedung für die Beete auf ihren Landsitzen zu bekommen.
Schlimmer war jedoch für mich, dass alle mit ihren stinkenden und ölenden Ladas bis 1m vor die einzige Trinkwasserquelle im ganzen Umkreis fuhren, um ja keine 10m laufen zu müssen. Dies störte anscheinend nur mich und meine Familie, schließlich gingen wir dort alle barfuß, schwammen, tranken und tankten Schatten, speziell auch mein 2-jähriger Sohn, dem ich ersparen wollte in Motoröl zu laufen – abgesehen mal von den Folgen fürs Trinkwasser.
Zusammenfassend hieß das für mich: Pferd nein, erzeugt zwar Humus, aber ist bäh…Auto ja, stinkt und vergiftet das Wasser, macht aber kein Aa, also nicht bäh…..
Ein Problem, das natürlich mit dem Wegräumen der „Humushäufchen“ behoben ist, aber deutliche Unterschiede in der Weltanschauung offenbart, die auf lange Zeit angelegt, zu wirklichen Problemen unter Menschen führen.
Ähnliche Beispiele gab es viele, z.b. weil die ökologische Aufklärung, aber auch die mögliche Anwendung in Russland nicht weit verbreitet sind.
So geschah es, das die meisten Menschen anfingen ihre Häuser mit herkömmlichen Mitteln zu bauen, halt alles was der Baumarkt so hergibt. Die Folgen fielen mir auf, als ich meinen Sohn baden wollte und Regenwasser erhitzte, welches vom Dach meiner Schwiegermutter aufgefangen wurde. Als es anfing zu dampfen,konnte man unschwer die Kleberrückstände der Teerplatten und wer weiß noch was riechen, aber eben kein gutes Wasser. Ich verzichtete darauf mein Kind darin zu baden und fing an meinen Nachbarn zu erklären, was sie sich da im Sommer auf ihre Beete gießen. Wie sie einerseits versuchen, am Wochenende den Giften der Stadt zu entkommen, andererseits sich diese jedoch wieder in ihre Nahrungskette holen, um sie dann genüsslich zu verspeisen.
Der Erfolg war relativ gering, weil solche Themen in der russischen Gesellschaft noch keine sind.
Dabei musste ich erkennen, dass alles, was das Leben mit der Natur ausmacht, dezentral auf den Landsitzen produziert werden muss, weil es in Russland nicht vorhanden ist. Was, wenn man es genauer betrachtet, aber auch Möglichkeiten bot – gigantische Möglichkeiten sogar.
Die große Problematik der Infrastruktur hatte zur Folge, dass diejenigen die in der Stadt arbeiten mussten, eben nicht die ganze Woche über auf ihrem Land sein konnten. Die Erzeugung von natürlichen Baustoffen war eine der vielen Möglichkeiten, die Arbeit aufs Land zu holen, was ein ganz elementarer Schritt zur Besiedlung ist, und unbedingt bereits bei der Gründung beachtet werden muss.
Lange Rede kurzer Sinn, meine Nachbarn verstanden die Idee nicht, bzw. es ist mir nicht gelungen ihnen den Unterschied zwischen einem toten und einem lebenden Geschäft zu erklären. Um so mehr ich es versuchte, um so deutlicher sah ich, das es nicht gelingen wird eine Gemeinschaft aufzubauen, die funktioniert, und die lebendig bleibt, ohne in alte Strukturen zurück zufallen, wenn man nicht unbedingt ein paar Punkte beachtet.

•Die Gründung der Gemeinschaft erfolgt vor dem Erwerb des Landes

Dies ermöglicht eine wesentlich harmonischere Nachbarschaftsbildung, diese Reihenfolge haben Menschen gewählt die ich Kennenlernen durfte, und sie hat sich bewährt. Diese Gruppe reist seit längerer Zeit durch Russland, lernt sich kennen und schätzen, und lässt sich nun nieder, ganz in der Nähe von Wedrussien – als ich ihnen einige Situationen aus unserer Beobachtung erzählte, sagten sie zu mir, das sie dies nicht kennen, da die Gruppe sich inzwischen so gefunden hat, dass man miteinander leben kann und möchte

•es sollte feste „Besiedlungszeiten“ geben

Das heißt, jeder, der innerhalb der Gemeinschaft Land erwerben möchte, verpflichtet sich innerhalb einer bestimmten Zeit zum festen Umzug aufs Land, alternativ dazu können sich diejenigen welche das nicht wollen in einer anderen Siedlung zusammenfinden, klingt hart, ist aber zwingend notwendig, um eine gleichmäßige Entwicklung zu haben, und kein hartes Gefälle zwischen den Nachbarn, denn glaubt mir, das Leben auf dem eigenen Stück Land verändert alles, und es wird schwierig mit der Zeit die lieben Nachbarn aus der Stadt neben sich zu haben – meistens jedenfalls.

•Ökologische Standards sollten festgelegt sein

•Ein Siedlung sollte einen autarken Wirtschaftsbereich bieten

Die ist der eigentliche Schlüsselpunkt des Konzeptes. Nur wo Menschen es schaffen ihren Verpflichtungen in der technokratischen Welt nachzukommen, ohne ihren Raum der Liebe verlassen zu müssen, lässt sich das technokratische System gegen das biologische System austauschen, und eben nicht dort, wo Menschen das technokratische System außerhalb oder innerhalb ihres Landes benutzen müssen, um eine Umsiedlung überhaupt machen zu können.
Dies sind die Kleinigkeiten von denen ich zuvor sprach.
Diese grundsätzlichen Aspekte gelten für fast alle Bereiche. So hatte ich mal einen kurzen Austausch mit einem sehr netten und aktiven Verfechter von Anastasias Ideen, der meinte, man sollte endlich in die Politik gehen, eine Partei gründen, so wie Megre, damit die Bewegung endlich in Schwung kommt…. Das Problem ist, dass das Wesen der Politik nicht geeignet ist, um solche Ideen durchzusetzen, die Strukturen machen das schier unmöglich, außer man ändert sein politisches Handeln etwas in Richtung Apo, denn nur von außerhalb kann sich eine neue Struktur bilden, innerhalb des Systems wird immer nur systemtreu erschaffen, denn die anderen Gesetze kennt das technokratische System nicht, es ist nicht dafür ausgelegt etwas Lebendiges hervorzubringen.

Ich rufe hier wirklich nicht zur Anarchie auf, wohl aber zu einer sanften Revolution, denn die Zeit ist jetzt, und nicht irgendwann anders.
Versteht man das Wesen der derzeitigen Energie, so macht es keinen Unterschied, ob Ihr ein Stück Land erwerbt und es bebaut, oder ob Ihr es einfach nur bebaut, natürlich im Rahmen der gesetzlichen Bedingungen, aber auch ein Stückchen Gemeindewald bietet guten Boden für Gemüse, und ob es nun wirklich ein Problem ist ein paar Samen in die Erde zu bringen, einen geistigen Raum zu schaffen, oder der Gemeinde 30 Bäume zu schenken, die man dann auf einen Platz seiner Wahl stellen darf, wage ich zu bezweifeln, was uns direkt zum nächsten Punkt bringt.

•Der Raum der Liebe muss zuerst in Euch, dann in der Materie erschaffen werden

Ist es anders herum geplant, dass man einen Raum erschafft in dem Glauben, das dann die Liebe Einzug halten kann, wird meistens der Raum entstehen, welcher der Energie die beim Schaffen zugrunde liegt ähnelt, aber eben kein Raum der Liebe – außer natürlich ihr habt ihn schon vorher im Herzen getragen, dann kommt die Liebe gerne.
Diese Reihenfolge wird der Erfahrung nach allerdings sehr selten eingehalten, schon aus diesem Grund ist es gut, einfach mal ein paar Monate lang immer mal ein bisschen Saatgut in der Tasche zu haben, um zu sehen mit welcher Energie deine Aussaat wächst, und wo…vielleicht entsteht der Raum ja gar nicht da, wo es zufällig ein Grundstück zu kaufen gibt….

21. März 2016 von Christa Jasinski
Kategorien: Rund um den Familienlandsitz | 5 Kommentare

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