Lektor’s Garten

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Vor Kurzem entdeckte ich einen Garten der meinem Traumgarten entspricht – ich war begeistert über die Schönheit und Harmonie dieses recht naturnahen und doch phantasievoll gestalteten Gartens. Dieser Garten entspricht dem, was ich mir unter einem irdischen Paradies vorstelle. Natürlich wollte ich mehr über diesen Garten und seinen Besitzer erfahren. Zu meiner großen Freude lud er mich in den schönen und lauschigen Pavillon seines Gartens ein und bei einer Tasse Tee sprachen wir über all das, was ihn dazu bewog solch ein Paradies zu gestalten. Als erstes fragte ich ihn, warum sein Garten unter dem Namen „Lektors Garten“ bekannt ist. Er erzählte mir, dass er, nach dem Vatikanischen Konzil der erste Lektor (Vorleser) seiner Gemeinde war. Seit dem heißt er im Dorf schlicht „der Lektor“.

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Die Eltern von Josef Müller waren Bauern und sein Bruder übernahm den Hof. Das Land, auf dem sich heute dieser Garten befindet, wurde nicht bearbeitet und bald erkannte er die Möglichkeiten, die dieses Stück Land ihm bot und er begann seinen Traum zu verwirklichen.

Er berichtet:

„Wie jede Leidenschaft, so begann auch meine Gartenleidenschaft in kleinen Schritten. Angeregt, einen Garten zu gestalten, haben mich die japanischen Zen-Gärten. Eine Rahmenbepflanzung inklusive einiger Obstbäume war auf dem Grundstück vorhanden und darauf baute ich auf. 1984 versuchte ich im oberen Teil einen Weinberg anzulegen, aber das Klima hier in Oberwiesenbach ist nicht ideal für Weinstöcke. Heute sind zwar noch immer einige der Weinstöcke vorhanden, der Rest wurde jedoch durch Obstbüsche ersetzt. Die ersten Rabatte wurden mit alten Rosensorten (Bauernrosen) bepflanzt und ein Staudengarten wurde angelegt. Und dann begann der Garten stetig zu wachsen. Bei der Gestaltung des Gartens habe ich mich nach dem vorhandenen Gelände gerichtet. Ich freue mich, wenn im Gartenjahr immer etwas blüht – „durchblühen lassen“, wie Karl Foerster es empfahl. Ich möchte die Saison verlängern und am liebsten wäre es mir tatsächlich, wenn der Garten durchblühen würde und in milden Wintern schaffe ich das schon mal.

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Ein Garten lebt und man muss sich als Gärtner dieser lebendigen Dynamik stellen. Mir ist es wichtig, dass sich die Pflanzen wohl fühlen und auch bei mir bleiben wollen. Trotzdem sind Schere und Axt für mich wichtige Gartenwerkzeuge, denn damit kann ich die Dynamik lenken. Diese Dynamik zu lenken, ist in meinen Augen die Hauptaufgabe eines Gärtners. Übernimmt der Gärtner nicht die Führung, dann übernimmt sie der Garten. Durch Schneiden mache ich Strukturen erkennbar. Trotzdem greife ich nicht zu stark ein. Gestaltungsschwerpunkte sind der notwendige Wechsel zwischen formaler und naturhafter Pflanzung. Ich versuche dem Garten möglichst eine feste Form zu geben, welche auch im Winter sichtbar bleibt. Dabei muss ich aber immer wieder die „romantische Verwilderung“ etwas zügeln.

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 So wie jeder Mensch seine dunklen Seiten hat, hat auch jeder Garten seine dunkle Seite. Im Garten verschwistert sich der Mensch mit der Natur, hier entsteht die engste Verbindung zwischen Mensch und Natur. Pflanzen sind Lebewesen, das vergessen oft viele Menschen. Sie sind genauso auf Zuwendung angewiesen, wie wir Menschen. Damit es klappt und schön wird, müssen wir uns um jede einzelne Pflanze bemühen.

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Der Garten soll ein Ort der Freude sein und unser Leben bereichern. Er soll Sinnbild unseres Lebens sein… immer im Fluss und in der Veränderung. Schön soll er sein – aber was ist das genau? Schön kann er auch an einem Herbst- oder Wintertag sein. Stimmung solle er erzeugen – es gelingt aber nicht immer. Manchmal hat auch der Garten, so wie wir, einen schlechten Tag.“

„Heute hat der Garten anscheinend so einen schlechten Tag“, meint er, als wir aufstehen, um durch den Garten zu schlendern. Es hatte viel geregnet und alle Pflanzen lassen ein wenig die Köpfe hängen. Trotzdem hat der Garten auf mich eine fast magische Wirkung. Wie mag es wohl sein, wenn der Garten einen guten Tag hat? Der Gärtner hat seinem Garten viele verschiedene Räume gegeben. An jeder Ecke erlebe ich eine neue Überraschung. Bewachsene Tore locken mich, sie zu durchschreiten, um in einen neuen Raum zu gelangen. Wir gehen in ein Waldstück, das einem Dickicht gleicht. „Das ist mein asiatischer Garten“, sagt er zu mir. Zuerst bin ich erstaunt, weil mir beim Eintritt nur die sehr dichte und urwüchsige Bepflanzung aufgefallen ist. Beim näheren Hinsehen nehme ich jedoch all die asiatischen Gewächse wahr, die einen Teil des Dickichts ausmachen, sowie die Skulpturen und Brunnen, die aus dem japanischen Kulturkreis stammen. Auch ein Teehäuschen taucht plötzlich aus dem Dickicht auf.

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Wir steigen auf einem kleinen Pfad einen Hang hinab und gelangen in den unteren Teil des Gartens. Hier ist er naturbelassen. Viel zu verändern hat wenig Sinn, weil es ein recht feuchtes Gebiet ist. Ein Bach durchfließt hier den Garten, der sehr stark anschwellen kann. „Dieses Gebiet wird auch schon mal völlig überschwemmt“, erklärt mir der Lektor, „denn der jetzt unscheinbare Bach kann sehr stark anschwellen, wenn es viel regnet.“ Und natürlich finde ich hier in erster Linie Pflanzen, die sich in einem Feuchtgebiet besonders wohl fühlen. Wir gehen den Bach entlang und kommen zu einer Bank. „Hier erlebe ich meine schönsten Sonnenuntergänge“ höre ich und das kann ich mir sehr gut vorstellen. Das schmale Tal liegt lang gestreckt vor mir und öffnet sich Richtung Westen.

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Nun steigen wir an einer anderen Stelle wieder den Hang hinauf und kommen dabei durch einen Bereich, der einer Wildnis gleicht. Hohe Bäume und viele Büsche beherrschen den Hang. Trotzdem merke ich, dass auch diese Wildnis der Zähmung des Gärtners unterliegt. „Dort wohne ich!“ Er zeigt mit den Händen auf ein kleines Häuschen, das verwunschen wie ein Hexenhäuschen, umgeben von Büschen, Bäumen und pflanzenberankt vor mir liegt. Ich bin völlig hingerissen von dem Bild, das für mich den Inbegriff der Romatik darstellt. „Naja, ganz so romantisch ist es nicht“, lacht er. „Denn dadurch, dass so wenig Sonne an das Haus kommt, wird es innen sehr schnell feucht. Da muss ich ständig aufpassen.“ Trotzdem – wenn ich die Möglichkeit hätte, ich würde sofort in solch ein Häuschen einziehen.

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Wir gehen weiter und gelangen in den Teil des Gartens, in dem ich die, durch den Gärtner gelenkte, Dynamik sehr stark wahrnehme. Hier gibt es klar gegliederte Bereiche. „Der Gemüsegarten benötigt die größte Zuwendung“, erläutert Josef Müller. „Aber dafür beschenkt er uns auch mit köstlichen und frischen Nahrungsmitteln.“

Wir kommen in einen „Raum“, in dem er einen Teich angelegt hat. Ein besonders schöner Raum mit Seerosen auf dem Teich, der viele Frösche beherbergt. Hier locken mich gleich mehrere Sitzmöglichkeiten und wir lassen uns auf einer Bank nieder. Ich könnte stundenlang hier verweilen und den Libellen zuschauen, die feengleich dieses Areal durchschwirren.

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Beim weiteren Gang durch den Garten fällt mir auf, dass einige Wege sehr geradlinig die einzelnen Räume verbinden und wir kommen zu dem Schluss, dass diese Geradlinigkeit ein sehr männlicher Ausdruck des Gartens ist. Sie zeigt ganz klar: Dieser Garten wurde von einem Mann angelegt.

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Obwohl es auch erstaunlich viele weibliche Elemente dort gibt. Es fiel mir zum Beispiel auf, dass an verschiedenen Sitzbereichen Blumensträuße auf dem Tisch stehen und es gibt viele Skulpturen. „Manche sind auch recht kitschig“, meint der Gestalter des Gartens. „Aber ich konnte sie einmal alle aus einer Auflösung bekommen.“ Ich finde, sie tun dem Garten gut.

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„Ein Garten ist ein feierlicher Ort – ein Ort, um das Leben zu feiern,“ sagte er und dem kann ich mich nur anschließen. „Er ist ein grüner Schutzraum, der zu seelischer Gesundheit führt. Und doch fordert er eine Ausschließlichkeit, denn er bindet den Menschen und erfordert Hingabe. Ein Garten macht Arbeit und Mühe, auch wenn ein Gartenliebhaber es nicht unbedingt als Arbeit empfindet. Früher, als ich noch berufstätig war, ging fast mein ganzer Urlaub für die Gartenarbeit drauf und auch an den Wochenenden war ich fast immer im Garten tätig. Urlaubsfahrten waren eine Ausnahme. Der Garten gibt jedoch viele Dinge zurück. Die meisten Menschen können nicht erfassen, welche Köstlichkeiten der Tages- und Jahreszeiten, der Morgen und Abende im Garten erlebt werden können.

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Heute ist der Garten mein Lebensraum und die erweiterte Wohnung. Wenn es eben möglich ist, verbringe ich meine Zeit im Freien und mache viele der Arbeiten einfach so nebenbei. Mit meiner kleinen Imkerei sorge ich dafür, dass immer Bienen im Garten vorhanden sind. Durch das dauernde Blütenangebot über’s Jahr hinweg sind auch andere Insekten wie Hummeln und Schmetterlinge stark vertreten. Die Vielfalt des Gartenraumes ist für eine ganze Reihe von Vögeln Nistplatz oder Trittstein für die Wanderzüge nach und vom Süden.

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Der Garten ist ein Lebensweg – ein Weg das Leben zu gehen. Ein Weg, der auch gegangen werden muss, wie bei allen anderen Wegen, die man geht.“

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Eine Aussage, der ich mich anschließen möchte und dieser Garten hat mich in meinem Wunsch bestärkt, mir ebenfalls solch ein Kleinod zu erschaffen – egal, wie mühsam es auch sein mag. Das Ergebnis ist: Ein Paradies auf Erden.

 Christa Jasinski

 Falls jemand Interesse daran hat, den Garten zu besichtigen: Der Lektor ist dazu bereit auch einmal eine Führung zu machen. Seine Telefonnummer darf ich dafür weiter geben.

 

 

 

24. September 2014 von Christa Jasinski
Kategorien: Garten/Pflanzen/Tiere | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. ein wunderschöner beitrag. sehr inspirierend. vielen dank!

  2. Liebe Christa,
    herzlichen Dank für den schönen Artikel mit den tollen Fotos. Mir kommt es vor, als ob ich selbst gerade durch den Garten geschritten bin. :-)
    Ein herzliches Dankeschön auch an Lektor, dass man sein Paradies besuchen kann. Ich wohne weit weg (Berlin) und werde mich mit den Fotos begnügen müssen.
    Herzliche Grüße
    Ina

  3. Liebe Christa, vielen Dank für den tollen Beitrag. Ich kenne den Garten und jedes deiner Worte war überaus treffend und fein gewählt. Viele Grüße M.

  4. Liebe Christa
    Ich habe gerade erst deine wunderbare Seite entdeckt und freue mich riesig!
    Deine tolle Zeitschrift habe ich mir online bestellt!!
    Ich habe dich in einigen Sendungen gesehen,jo Conrad und co und finde es wunderbar,sehr mutig
    Und spannend was du uns erzählen kannst!
    Ich bewundere deine Energie und Kraft und bin sehr dankbar das es dich gibt,dass ich soviel schönes durch dich erfahren darf!
    Ich wünsche dir von ganzem Herzen alles alles Liebe,Gesundheit und Lebensfreude!
    Mach weiter so!!
    Liebste Grüsse sendet dir sabine

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