Gier

Diesen Artikel hatte ich schon einmal im GartenWEden/ Januar-Ausgabe 2012.

Im Artikel „Die Magie der Sprache“ habe ich geschrieben, dass Worte in ihrem Inhalt völlig verdreht wurden und dafür ist das Wort „Gier“ eins der besten Beispiele überhaupt. Deshalb setze ich diesen Artikel noch einmal dazu.

Gier

Durch die Anregung einer Bekannten, habe ich mich einmal intensiver mit dem Wort „Gier“ beschäftigt. Ich fand zuerst nur die Darstellungen der Bedeutung von Gier, wie sie auch die Kirche darstellt. Irgendwie hatte ich jedoch das Gefühl, dass hinter diesem Wort wesentlich mehr steckt. Kaum ein Wort hat eine solch starke Energie wie gerade dieses Wort. Deshalb bin ich noch viel tiefer in diese Materie getaucht, als ich es bei anderen Worten gemacht habe – dort findet man meist sehr schnell die ursprüngliche Bedeutung. Ich ging einmal ganz andere Wege bei meinem Forschen nach den Wurzeln dieses Wortes, als ich es sonst mache – eben weil dieses Wort, schon seit es Religionen gibt, als etwas äußerst Schlimmes dargestellt wird. Was ich dabei gefunden habe, hat mir dann fast den Atem verschlagen.

Ich ging dieses mal rein intuitiv vor und nicht nach logischen Gesichtspunkten. Dabei stieß ich auf das hebräische und auch aramäische Wort „næphæsch“. Das Aramäische ist der uralten wedischen Sprache, die vor der Sprachverwirrung nach dem Turmbau zu Babel auf der gesamten Erde gesprochen wurde, sehr ähnlich.

Ich habe dann weiter nach „næphæsch“ geforscht und fand in einem Artikel von Dr. Joerg Sieger zum Thema „Der Mensch und seine Lebenskraft“ folgenden Aussagen:


Bereits
gesehen haben wir, dass der hebräische Ausdruck für „Lebenskraft“ [„næphæsch“] das lebensspende „Element“ im Menschen und auch im Tier bezeichnet. Dieser Ausdruck wird zwar meistens mit dem deutschen Begriff „Seele“ übersetzt, er entspricht aber in den seltensten Fällen dem, was wir unter „Seele“ oder der griechische Ausdruck für „Geistseele“ [„psychæ“] verstehen.

Dass das schon vom Wort her nicht sein kann, sieht man sofort, wenn man sich die ursprüngliche Wortbedeutung von „næphæsch“ anschaut. Der Begriff „næphæsch“ hat ursprünglich absolut nichts mit Geist oder etwas Geistigem zu tun.

Im Psalm 107 kann man die ursprüngliche Wortbedeutung noch ablesen. Dort heißt es, wenn man wörtlich überträgt, im Vers 5:

„Hungrige, auch Durstende, sie verschmachten an ihrer „næphæsch“.“ (Ps 107,5)

Und im Vers 9:

„Denn er hat die lechzende „næphæsch“ gestillt, und die hungernde „næphæsch“ mit Gut erfüllt.“ (Ps 107,9)

Hier ist noch deutlich zu spüren, dass der hebräische Ausdruck für „Lebenskraft“ [„næphæsch“] anfänglich einmal die „Kehle“ bedeutete. Im Psalm 107 schwingt diese Bedeutung noch klar mit. Dem Hungernden wird die „næphæsch“ mit Gutem angefüllt, so wie man dem Verhungernden eben etwas in die Kehle stopft.

Von daher ist auch verständlich, dass der hebräische aramäische Ausdruck für Lebenskraft „næphæsch“ auch „Gier“ bedeuten kann.

Und
weil dem Menschen, dem man die Kehle zudrückt die Luft wegbleibt, deshalb rückt der Terminus [der hebräische Ausdruck für „Lebenskraft“] [„næphæsch“] im Hebräischen dann immer stärker in den Bedeutungshorizont von „Atem“. Weil der Atem aber lebensnotwendig ist, erfährt der Begriff „næphæsch“ letztlich dann die Bedeutungserweiterung in Richtung „Lebenselement“, bis hin zum Begriff „Leben“ überhaupt.

Da war ich erst einmal Platt! Aber wenn man sich klarmacht, wozu die Religionen geschaffen wurden, dann müsste es auch klar sein, dass wir unserer Lebenskraft – unserer Gier nach Leben – beraubt werden sollten. „Gier“ musste zu den Todsünden gezählt werden.

Wenn man dann weiter nach „begierig“ sucht, findest man ebenfalls ganz schnell den Vergleich mit der dürstenden Kehle:
begierig: Adjektiv – von großem Verlangen nach etwas erfüllt; voll Begierde, durstig
Synonyme zu durstig: Durst habend, mit ausgetrockneter Kehle begierig, erpicht, gierig, versessen; (gehoben) hungrig nach…

Das, was heute mit Gier bezeichnet wird, ist wohl besser mit dem Wort Habsucht beschrieben, als mit der ursprünglichen Bedeutung von Gier, denn Habsucht bezeichnet die Sucht nach immer mehr Materiellem. Es ist die Sucht etwas zu haben.

In Ursprungszeiten definierte sich jedoch der Mensch nicht durch das, was er hat, sondern durch das, was er ist. Und da steht Gier für die Lust auf mehr – für die Lust auf pures Leben. Die Worte „Habsucht“ und die ursprüngliche Bedeutung von „Gier“ unterscheiden sich nämlich wie „Haben“ und „Sein“!

Schöpfer haben Lust auf pures Leben – sie sind demnach gierig.
Schöpfer möchten ihre Erkenntnisse erweitern – sie sind neugierig.
Schöpfer möchten ihre Kreativität ausleben – sie sind begierig die Welt zu gestalten.

Übrigens hatte Neugier für mich nie eine negative Schwingung. Ohne Neugier würde der Mensch überhaupt nichts entdecken. Er würde kein Tier und keine Pflanze beobachten.

Zum Thema Gier sagte zu mir eine Freundin: Gier hat von der Schwingung her für mich eine unglaubliche, riesengroße Kraft! Wenn ich mich jetzt, nachdem ich das weiß, auf die Gier einlasse, dann spüre ich wie sich mein Körper, meine Seele einfach nur vollsaugen will mit Leben.

Marie-Luise sagte dazu: Gier mit Maßlosigkeit gleichzusetzen wurde uns anerzogen. Wer gierig ist, ist maßlos. Das heißt, wir haben die Vorstellung, dass einem gierigen Menschen der Geifer aus dem Mund läuft, er beginnt zu sabbern, es wird unappetitlich. So haben wir das Wort Gier gelernt, immer mit einem erhobenen Zeigefinger im Hintergrund, ja unseren „Erziehern“ keine Schande zu machen, und uns angemessen und maßvoll zu verhalten.

Das Thema „Gier“ hat mich an ein Buch erinnert, das ich im Alter von 15 oder 16 Jahren einmal gelesen habe. Den Titel und den Autor weiß ich nicht mehr, aber der Inhalt hat bei mir damals so viele Fragen aufgeworfen, dass es mir im Gedächtnis blieb. Das Buch handelte von Zwillingen – zwei Jungen. Die Mutter beschrieb einen der Zwillinge so, dass er nach der Geburt, sofort beim ersten Anlegen gierig saugte, als wolle er das ganze materielle Leben einsaugen. Der zweite Zwilling war eher schwächlich und saugte auch nur schwach an der Brust. Der Erste genoss das Leben. Er war ständig draußen in der Natur, sehr eigenwillig und machte, was er wollte. Der Zweite war ein stilles und braves Kind, der der Mutter half – er machte alles, was die Eltern wollten. Natürlich wurde im Laufe des Buches der Zweite als der Gute dargestellt und der Erste als der Böse.
Ich konnte dem Inhalt des Buches damals überhaupt nicht folgen. Mir gefiel von Anfang an der Erste wesentlich besser und in meinem Buch wäre er ein großer Held geworden. Damals schon überlegte ich, warum der Autor den Zwilling, der das Leben aus vollen Zügen genoss, als den schlechten darstellte. Heute, nachdem ich diese Welt besser kennen gelernt habe, ist es mir völlig klar. Die Zwillinge standen im Grunde als Synonym für die Menschen. Die äußerst vitalen, individuellen und starken Persönlichkeiten, die schon als Säuglinge an der Mutterbrust gierig saugen, als wollen sie das ganze Leben einsaugen, sind die Menschen, die das Kollektiv nicht gebrauchen kann, deshalb muss das „schlecht“ sein. Die Schwächlichen jedoch, die still und brav alles das machen, was man von ihnen verlangt, das sind die „Guten“, weil sie sich am Besten unterordnen können.

Christa Jasinski

01. Juni 2013 von Christa Jasinski
Kategorien: Sprache | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Das Wort Gier ist wie jedes andere Wort von mehreren Seiten zu betrachten. Es alleine auf das aramäische zurückzuführen und daraus seine Schlüsse zu ziehen reicht nicht aus. Der Vergleich mit der Kehle und dem Durst ist wohl wahr und richtig aber die Gier ist, wie alles andere aus 3 Richtungen betrachtbar. Die Gier kann man im Gotischen, im Altdeutschen, im Hebräischen und im Sanskrit sowohl positiv besetzt zurückverfolgen, als auch negativ besetzt im Sinne von Arg. Denn wo die Gier überhand nimmt, wird es arg, böse. Eine ausführliche Abhandlung über dieses und die daran anschließenden Begriffe wäre notwendig um dies genauer zu beleuchten. Schöne Ansätze hast du hier jedoch, nur leider das Wort im Gesamten etwas zu einseitig betrachtet.
    Lieben Gruß

    • Lieber Oliver,
      danke für Deinen Beitrag. Ich weiß, dass es auch im Althochdeutschen schon die verdrehte Darstellung gab. Da ich jedoch davon ausgehe, dass die gesamte Menschheit einmal wedisch war und nur eine Sprache sprach, untersuche ich die Worte auf ihre ursprüngliche Bedeutung und dabei sind das Aramäische, das Sanskrit und das ursprüngliche Indoeuropäisch (aus dem sich unter anderem auch das Althochdeutsche entwickelte) dem Urwedischen noch am Nächsten. Zudem weiß ich, dass es in wedischen Zeiten so etwas wie Habsucht nicht gab – es gab nichts Negatives, was dem gleich käme, was wir heute fälschlicherweise mit Gier bezeichnen. Gier entsprach zu wedischen Zeiten der puren Lebenskraft. Nach welchen negativen Dingen sollten die Menschen denn zu wedischen Zeiten gieren, wenn sie sich ihrer puren Schöpferkraft bewusst waren und alles hatten, was sie brauchten? Diese Menschen zeichneten sich durch „Sein“ aus und nicht durch „Haben“. Alle negativen Betrachtungsweisen von Gier entstanden also erst wesentlich später. Worte, die eigentlich pur lebensbejahend waren, wurden durch die Priesterschaften ins Negative verkehrt. Das gilt nicht nur für das Wort „Gier“, sondern für viele andere Worte auch.
      Mein Bestreben ist es, die Wahrheit zu finden und die finden wir tatsächlich in der ursprünglichen Bedeutung von Worten.

      Liebe Grüße
      Christa

  2. Hallo liebe Christa,

    da hast du einerseits sicherlich recht, andererseits ist es aber etwas anders gewesen, als Wladimir Megre in seinen Werken es darstellt. Wenn man alte Überlieferungen hernimmt und diese dann beispielsweise mit den geisteswissenschaftlichen Forschungsresultaten von Rudolf Steiner vergleicht, dann wird einem bewusst, dass die wedische Welt, wenn wir sie denn so nennen wollen, zwar einst existierte, dass in dieser jedoch noch das alte Hellseherbewusstsein entwickelt war und nicht die Sprache. Das heute existierende Ich-Bewusstsein, das Individualitätsgefühl gab es damals noch nicht, weil alle sich noch dem geistigen, dem göttlichen Ursprung vollkommen im Klaren waren. Da aber ebenso die Gaben des Hellsehertums noch überall zugegen waren und die menschlichen Körper ganz anders beschaffen waren, wurde zu den Zeiten gar nicht gesprochen, sondern das, was später Ursprache wurde, NACH dem sogenannten Sündenfall, nach der Absonderung des Mondes (Übergang von der lemurischen in die atlantische Phase), war vorher alles Gedankenlesen, eben Hellsehen. Die Menschen mussten damals nicht reden und kannten so auch keine Lügen, weil sie für jeden anderen Menschen ein offenes Buch waren und weil sie alle sich als Einheit fühlten. Erst durch die luziferische Tat, die Verführung und dem Fall, verschwand nach und nach das alte Hellsehertum und gleichsam wurde – was auch eine luziferische Tat war, die aber keinesfalls negativ zu sehen ist, sondern die uns mehr Freiheit gab und die Individualität erst ermöglichte – eben durch die luziferischen Kräfte erst die Sprache geboren und die Organe dazu im Menschen entwickelt. Erste Laute wurden hervorgebracht, die damals noch einher gingen mit dem direkten Denken. Jeder Gedanke wurde auch Wort. Gleichsam entstand aber durch die Absonderung aus der Einheit, durch die Individualisierung, auch die sogenannte Sünde (ab-Sond-erung) und mit ihr auch erst das Selbstbewusstsein und mit all diesen Dingen gleichsam entstand auch die Gier in ihrer negativ besetzten Bedeutung. Die alten Buddhisten wissen darum, weshalb sie auch die Gier als Grundursache allen Leids erkannt haben. Die Gier, etwas selber zu machen, getrennt von anderen, die entstand also durch einen luziferischen Einfluss auf die Erde. Sie war aber auch notwendig, damit wir uns dahin entwickeln können, wo wir hinsollen… zur Freiheit, zur Individualität und dem gleichzeitigen Gottesbewusstsein, dem Einheitsgedaken. Einzigartigkeit in der Einheit ist das Ziel des Menschen. Die luziferische Kraft ist eine der beiden Übel, die andere ist die ahrimanische Kraft, aber ohne diese beiden Kräfte, wäre unser Ich-Bewusstsein sowie das Mysterium von Golgatha nicht möglich gewesen. Mir geht es hier auch nicht darum, Recht zu haben oder die Gier zu rechtfertigen, mir geht es ebenfalls um die Wahrheit. Und nach allem ermessen und forschen ist die Wahrheit eben anders, viel komplexer, als sie Wladimir Megre in den Anastasia Werken darzustellen vermag. Dies auszuführen würde hier aber zu weit gehen.

    Alsdann, Liebe Grüße und einen schönen Abend.

    • Lieber Oliver,

      das ist Deine Sicht der Dinge. Meine Sicht sieht anders aus, weil ich Inkarnationserinnerungen an die wedische Zeit habe. Und ich weiß, dass die Menschen auch Worte gesprochen haben. Natürlich konnten sie auch Gedanken lesen, aber sie benutzten ebenso ihre Stimme. Es gab Lieder und Gedichte, es wurde getanzt und die Gedanken wurden in Worten ausgedrückt. Ich sehe es also aus meinen eigenen Erinnerungen heraus genauso, wie es auch Anastasia beschreibt.
      Und was die Individuation anbetrifft, so sehe ich das ebenfalls anders als Du. Wir sind alle eins – in der geistigen Welt. Wenn Geist jedoch sich über die Seele in die Materie begibt, dann entsteht ein Individuum, also Individualität. Die Seelen tauchen in die Materie, um im Einklang mit Gott zu schöpfen, um Erfahrungen zu sammeln und diese zurückzumelden. Dazu benötigen wir die Individualität, denn die Vielfalt der Erfahrungen macht das Ganze aus. Materie lässt sich nur individuell erweitern, weil jede einzelne Seele dabei in der Lage ist, ihre eigenen individuellen Erfahrungen zu machen.
      Der Fall aus dem Paradies war nach meiner Sicht nicht der in die Materie. Man kann nämlich auch in der Polarität in seiner Mitte sein. Der Fall aus dem Paradies war der Fall aus der Polarität in die Dualität weil die Menschen nicht mehr in ihrer Mitte waren und sich auf eine Seite – entweder gut oder böse – begaben. Sie begannen zu urteilen: Das Ur-sprüngliche zu teilen.

      Elektronen haben übrigens mit Menschen etwas gemeinsam: Je mehr Informationen sie über ihre Situation gewinnen, desto mehr werden sie sich ihrer Individualität bewusst und desto mehr verliert die Kollektivität an Bedeutung. Dabei geht der kohärente Gleichklang verloren, der die Elektronen in einer festen Beziehung zu ihrer Umgebung bindet. Das haben Wissenschaftler des Fritz-Haber-Instituts der Max-Planck-Gesellschaft festgestellt, als sie mithilfe von Röntgenstrahlung Elektronen aus Molekülen zweier Stickstoffatome herauskatapultierten. Wird ein Elektron dabei nur wenig beschleunigt, erkennt es nicht, von welchem der beiden Atome es ausgesendet wurde. Dann verhält es sich so, als käme es von beiden Atomen: Es tritt als Pseudo-Paar auf, das sich vollständig kooperativ verhält. Ist das Elektron dagegen schnell genug, kennt es seine Herkunft. Dann zeigt es die Eigenschaften eines Individuums. Die Schnelligkeit der Bewegung ist es also, die das Elektron seine Individualität erkennen lässt und genauso ist es die Schnelligkeit der Gedanken (jeder Gedanke entspricht einem Elektronenfluss), die uns die Individualität innerhalb der Materie erkennen lässt.
      Individuelle Erfahrungen erweitern – kollektive Erfahrungen konzentrieren auf ein Kollektiv. Ein Kollektivgeist sucht stets nach Kollektivantworten und sieht die Welt und das All nicht mit individuellen Sinnen. Er schaut ins All und sieht Sterne und Galaxien, sortiert und katalogisiert sie und spürt nicht, dass das All pures individuelles Leben ist. Ein Wede kann seinen „Stern“, seine „Galaxie“ spüren und sich mit ihm/ihr identifizieren. Er weiß, dass er Sterne, Planeten und Galaxien mit erschafft, dass er ein Teil der Urschöpfung ist.
      Aber das ist ein anderes Thema.

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